Tipps für effizienteres Lernen in der Ausbildung

Der Begriff des „lebenslangen Lernens“ ist seit einiger Zeit sehr populär und bedeutet, dass wir uns in einem permanenten Lernkontinium befinden. Dabei ist “Lernen” nicht nur auf die Schulzeit und die Ausbildung beschränkt, sondern wir lernen fortwährend. “Lebenslanges Lernen” bedeutet jedoch auch, dass wir in der Lage sind einen Lernprozess zu überdenken, zu beginnen, weiterzuführen und erfolgreich abzuschließen. 

Was genau es damit auf sich hat, erfahren Sie in diesem Interview mit Prof. Dr. Alexander Bazhin.

Frage von AEVO Online: Was gehört zu den Lernschlüsselkompetenzen, die für Ausbildung wichtig sind?

Prof. Dr. Alexander Bazhin: Wenn wir vor unserem geistigen Auge ein Haus malen würden, finden dort die Lernschlüsselkompetenzen genau einen richtigen Platz. Jeder Raum hat ein Boden oder Fundament, das wäre in unserem Lernraum die realistische Abschätzung unserer Fähigkeiten. Der Raum besteht normalerweise aus 4 Wänden, so wie unser Lernraum: Die drei Wände sind unsere Lernstile, Lerntypen und Lernmodi. Die vierte Wand hat ein riesiges Fenster, oder sogar eine Fensterfront, die unsere Emotionen darstellt. Wie in jedem Haus gibt es auch ein Dach, das aus vier Elementen besteht: Motivation, Lernziele, Effizienter Umgang mit Zeitressourcen und Life-Learning Balance. Diese Lernschlüsselkompetenzen sind wichtig für das erfolgreiche Lernen egal ob es um Studium oder Ausbildung geht.

 

Frage von AEVO Online: Lernt man immer noch so wie vor 15-20 Jahren und falls nein, wie hat sich Lernen verändert?

Interessanterweise lehrt man heutzutage anders als vor 15-20 Jahren. Zurzeit nimmt didaktische Ausbildung eine wichtige Stellung bei Ausbildern und Hochschullehrern, sodass das jetzige Lehren vollkommen anders aussehnen mag, wie vor 15 Jahren. Es sei hier auch auf einen Begriff eingegangen, nämlich – Neurodidaktik, also Anerkennung der neuesten neurobiologischen Fortschritte bei der Didaktik, Erwachsenenbildung und Pädagogik.

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In der Ausbildung herrscht die sogenannte „kognitive Meisterlehre“. Das bedeutet, dass die Fähigkeit des Lernenden einen Beruf zu erlernen, dadurch erreicht wird, indem der Meister (also der Lern-Mentor) salopp gesagt, zeigt, wo es  lang geht. Diese Vorgehensweise bei der beruflichen Ausbildung, dass der Meister dem Lehrling vormacht, wie die Sache richtig gemacht wird, ist schon seit einem Jahrhundert die Lernmethode der Wahl.

Zurückkommend auf die Frage, ob das Lernen sich verändert hätte, mag ich hieran zweifeln. Es wird manchmal so gelernt, wir vor dreihundert Jahren, also in der Zeit des Nürnberger Trichters. Das heißt – büffeln und pauken. Schön gesagt “auswendig lernen” oder noch schöner “einmemorieren”. Und das geschieht durch sogenanntes mechanisches Wiederholen, bei dem wir das Lernmaterial stupide ins Gedächtnis eintrichtern.

Bei diesem Vorgehen finden unveränderte Wiederholungen des Lernstoffes statt. Wobei die Automatisierung beim Lernen in manchen Fällen Vorteile haben kann, besonders wenn die Handlungsabläufe der Perfektionierung bedürfen. Um zum Beispiel ein exzellenter Musiker zu werden, muss man bis zum 20. Lebensjahr mindestens 10.000 Stunden mit dem Instrument üben. Dazu werden also etwa 1500 Stunden Übungszeit pro Jahr benötigt. Außerdem werden die Lernschlüsselkompetenzen, die ich bei Ihrer ersten Frage geschildert habe, wird nicht beim Lernen berücksichtigt.

 

Frage von AEVO Online: Warum ist es aus in der heutigen Zeit so wichtig geworden?

Lernschlüsselkompetenzen sowie effiziente Lernmethoden sind in der heutigen Zeit so wichtig geworden, weil sie unter anderem einem Studien- oder Ausbildungsabbruch vorbeugen. Es ist längst kein Geheimnis mehr, dass jeder vierter Bachelorstudent sein Studium abbricht. Außerdem erleichtern diese die Anfangsphase des Studiums- bzw. der Ausbildung, indem sie vor allem für den Wechsel zwischen der Schule auf die Hochschule oder Ausbildung“ vorbereiten.

Das Lernen ist eine Veränderung, im Sinne der Veränderung unserer Vorstellungen, Meinungen, Betrachtungsweisen welches durch und während des Lernens geschieht. Der Veränderungsprozess ist nicht selbstläufig, er braucht gewisse Energien, bzw. Katalysatoren. Die Wichtigsten hierzu sind Motivation und Interesse.

Die beiden sind die Hauptantreiber für das Lernen im Sinne eines Veränderungsprozesses. Den Prozess zu initialisieren oder katalysieren ist nicht ausreichend, um zum neuen Lernzustand kommen. Wir brauchen noch etwas um am Ball zu bleiben. Das sind die Ziele, im Lernkontext also die Lernziele, die uns ermöglichen den vom Interesse und von der Motivation gezündeten Veränderungsprozess erfolgreich abzuschließen.

 

Frage von AEVO Online: Welche Ziele werden damit verfolgt? Also wozu dient „Lernen“?

Wenn wir über das Lernen im klassischen Sinne sprechen, dann ist das wichtigste Ziel des Lernens, sich Information anzueignen und diese zu behalten. Wenn wir aber über das Lernen im breiteren Sinne und unter Berücksichtigung der Lernschlüsselkompetenzen reden, dann gehören zum Lernen folgende wichtige Ziele:

  1. Lernen von Verfahren (z.B. Lernen lernen, Arbeiten lernen u.ä.) (Handeln)
  2. Lernen mit dem Ziel „Können“: Transfer von Fähigkeiten zu Fertigkeiten
  3. Lernen mit dem Ziel späterer Übertragung (Transfer)
  4. Lernen mit dem Ziel Problemlösung

 

Frage von AEVO Online: Bei Auszubildenden ist etwas zu lernen, vor allem wenn es um theoretische Grundlagen geht, nicht immer beliebt. Vor allem, weil sie nicht erkennen, wie wesentlich die fachpraktischen Inhalte sind, welche die Berufsschule vermittelt und dass diese Lerninhalte durchaus die Grundlagen für die betriebliche Praxis legen. Welche Tipps können Sie dazu mit auf den Weg geben?

Wenn wir über das Lernen von theoretischen Grundlagen sprechen, dann schweben vor mir 3 Begriffe, die aus den Zielen des Lernens abgeleitet werden: Plausibilität, Anwendbarkeit und Transferbarkeit.

In unserem Leben handeln wir oft mit Begriffen, deren Bedeutung wir nicht 100% verstehen. Für die Ausbildung ist es enorm wichtig, dass die theoretischen Grundlagen für uns verständlich sind. Nur wenn wir etwas begreifen, können wir es auch erlernen.

Die zwei weiteren Begriffe: Anwendbarkeit und Transferbarkeit sind beim Lernen von theoretischen Grundlagen in der Ausbildung von enormer Bedeutung. Die Anwendbarkeit des Wissens, das wir uns aneignen wollen, muss für uns klar erkennbar sein. Wenn wir wissen, wie die Informationen, die wir lernen in unserem Arbeitsleben zur Geltung kommen, ist es einfacher sich diese anzueignen.

Daher sollen Ausbilder konkrete Beispiele für die Auszubildenden vorbereiten – mit dem Ziel die Anwendbarkeit von theoretischen Grundlagen zu zeigen. Auszubildende können auch selbst aktiv werden und die Initiative ergreifen, indem sie selbst nach der Möglichkeit der Anwendung suchen.

Anwenden ist noch nicht alles! Das Wissen, was wir angeeignet haben, müssen wir irgendwie im Berufsleben verwenden können – Transferbarkeit. Dadurch brauchen die Auszubildende viele praktische Übungen, um den Transfer des angeeigneten Wissens in die Praxis zu gewährleisten.

Durch das Vorhandensein von Plausibilität, Anwendbarkeit und Transferbarkeit der theoretischen Grundlagen in der Ausbildung kann die Effektivität des Lernens erhöht werden.

 

Frage von AEVO Online: Bekanntermaßen müssen wir, um den Erfolg einer Ausbildungseinheit zu messen, Lernziele definieren. 

Zudem, dass die Lernziele für den Lernprozess der Auszubildenden von ungeheurer Bedeutung sind, stellen die Lehrziele auch ein Merkmal der guten Lehre dar. Ein Lehrer, der seine Lehre gut gestalten will, wird sich überlegen welche Lehrziele er erreichen will. Die Formulierung von Lehrzielen ist für die Lehrer ist aus denselben Gründen wichtig, wie das setzen von Lernzielen von Studierenden oder Auszubildenden.

Da es sich hierbei um Ziele handelt, müssen sie nach entsprechenden Kriterien gesetzt werden. Jetzt stellt sich die Frage, wie oft die Auszubildenden die Lehrziele vom Ausbilder am Anfang einer Lehrveranstaltung oder einer Veranstaltungsreihe transparent benannt bekommen?

Das Wissen von Lehrzielen ist wichtig, um einen Abgleich von Lehr-/Lernzielen durchzuführen. Es sei hier angemerkt, dass oft die Lehrziele mit Lernzielen verwechselt werden. Manchmal versuchen die Dozenten den Lernenden Lernziele zu servieren, was im Grunde genommen falsch ist. Die Lernziele formuliert der Lerner oder der Auszubildende selbst! Was aber der Lehrer in seinen Lehrveranstaltungen erreichen will sind seine Lehrziele. Eine Möglichkeit die Lehr- und Lernziele abzugleichen, besteht dort wo ein sog. Lehr-Lernvertrag abgeschlossen wird.

Der Begriff „Vertrag“ soll hierbei nicht sofort abschrecken. Der Lehr-Lernvertrag ist viel einfacher, als der Name klingt. Darunter versteht man eine Vereinbarung zwischen dem Ausbilder und dem Auszubildenden, wo festgelegt wird, welche Lehrziele der Dozent mit der Veranstaltung verfolgt. Der Lehr-Lernvertrag gibt transparente Erwartungen, die von Lernern besonders in Bezug auf Prüfungen vorausgesetzt werden.

 

Frage von AEVO Online: Wie können wir als Ausbilder sicherstellen, dass Gelerntes (für uns selbst und unsere Auszubildenden) nicht gleich wieder vergessen wird?

Ganz klar durch Nachfragen. Nicht nur Nachfragen, ob der oder die Auszubildende den Stoff verstanden hat, sondern was genau von ihm verstanden wurde. Fragen Sie, welche Beispiele er oder sie zum Stoff nennen kann oder äußern Sie die Bitte den Stoff zusammen zu fassen, oder zu paraphrasieren.

Die ist eine mächtige Methode, sich nicht nur das Wissen anzueignen, sondern auch um dessen Aneignung zu überprüfen. Je öfter solche Nachfragen geschehen, desto nachhaltiger wird das Lernen.

 

Frage von AEVO Online: Was können wir ganz konkret tun um Lernen nachhaltig zu machen?

Ich schlage bei dem Punkt vor, die sogenannte Spirale oder Schleife des selbstgesteuerten Lernens zu durchzulaufen. Im Allgemeinen startet man damit an, den Lerntyp und Lernstil zu definieren, danach setzt man sich die Lernziele. Desweiteren sucht man nach passenden Lernmethoden bzw. Techniken. Wenn die Lernstrategie und Taktik stehen, fängt man an, sich mit dem Lernstoff auseinanderzusetzen. Beim Bedarf greift man auf das Lernmethodenrepertoire zurück.

Danach begibt man sich auf die Metaebene und reflektiert die Lernschritte. Bei aufgetauchten Lernproblemen oder Schwierigkeiten führt man ein Selbst-Coaching durch. Danach kommt man zurück zu dem Lernziel, überprüft dieses, revidiert es ggf. oder formuliert ein neues Lernziel.

Danach läuft die Spirale weiter!
So eine Vorgehensweise ermöglicht nachhaltiges Lernen.

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